Beitragsseiten

 

 

 

 

 

 

Der RhB EW III von TL45 setzt Massstäbe

 

Die Einstiegspartie mit den fein ausgeführten Türen, dem Faltenbalg und zahlreichen kleinen Details zeigt eindrucksvoll, dass TL45 die Messlatte bei der Detaillierung hoch gelegt hat

Schon die Abmessungen machen deutlich, welchen Weg TL45 eingeschlagen hat. Der Wagen ist massstäblich 732 mm lang, wiegt rund 1,9 Kilogramm und rollt auf Edelstahlrädern in den SWP74 Drehgestellen. Trotz seiner stattlichen Länge ist die Konstruktion so ausgelegt, dass der Wagen technisch auch den klassischen Radius von 600 mm befahren kann.

Um den Wagen «R1-tauglich» zu machen, müssen lediglich die Trittbretter unter den Einstiegstüren demontiert werden. Dies lässt sich mit wenigen Handgriffen erledigen, da die Trittbretter jeweils mit nur einer Schraube befestigt sind. Auf grösseren Radien können sie selbstverständlich montiert bleiben. Damit erreicht TL45 etwas, das lange Zeit als kaum miteinander vereinbar galt: vorbildgerechte Abmessungen und Gartenbahntauglichkeit. Dabei geht es keineswegs darum, einen 732 mm langen, massstäblichen EW III im regulären Betrieb durch den kleinsten Radius von 600 mm zu zwängen. Vielmehr wollte TL45 mit der Konstruktion zeigen, dass es technisch möglich ist – und dem Modellbahner diese Option offenhalten. Gerade darin liegt der Unterschied: Nicht der kleinste Radius bestimmt die Proportionen des Modells, sondern das Vorbild.

Technische Daten und Überhang 

Massstab 1:22,5   

 

LüP ca.731 mm     
Drehzapfenabstand ca.479,1 mm     
Wagenkastenbreite  ca.115 mm    
Radius Radius Überhang* Freiraum ab Gleisachse
R1 600 mm 49,9 mm 108,8 mm
R2 780 mm 37,7 mm 96,6 mm
R3 1'195 mm 24,3 mm 83,2 mm
R5 2'320 mm 12,4 mm 71,3 mm

* Überhang bezeichnet die Verschiebung der Wagenkastenachse ab der Wagenmitte zur Kurveninnenseite. 

TL45 hat auch bei den Details nicht gespart. Damit die Wagen beim Vorbild auf dem Stammnetz, der Berninalinie und der Chur–Arosa-Linie eingesetzt werden konnten, mussten sie mit zahlreichen Leitungen und Kabelverbindungen ausgerüstet sein. Für den Einsatz auf der Arosalinie kamen zusätzlich die markanten Dachrutenkupplungen hinzu.

Entsprechend umfangreich präsentiert sich auch die Ausstattung des Modells: Zahlreiche Kabel, Schläuche, Steckdosen der Vielfachsteuerung, Kupplungen und Griffstangen finden sich an den Wagenenden und geben deren charakteristisches Erscheinungsbild detailliert wieder. Aktuell zeigt TL45 die spätere Ausführung ohne Dachrutenkupplungen, nachdem diese auch beim Vorbild nicht mehr benötigt und entfernt wurden. Das Modell ist konstruktiv jedoch bereits für die frühere Ausführung vorbereitet, sodass künftig auch eine Variante mit Dachrutenkupplungen realisiert werden kann.

 

Die authentisch nach Vorbildunterlagen gestaltete Inneneinrichtung mit ihren sorgfältig abgestimmten Farbakzenten setzt neue Massstäbe in der Spur 2m.

Sehr schön umgesetzt und ein weiteres Zeichen für die Liebe zum Detail sind die zahlreichen farblichen Akzente an den Stirnseiten. Leitungen, Kupplungen, Steckdosen und weitere Anbauteile sind nicht einfach einfarbig ausgeführt, sondern entsprechend dem Vorbild unterschiedlich farblich abgesetzt. Gerade diese kleinen Details verleihen den ansonsten technisch geprägten Stirnseiten eine bemerkenswerte Tiefe und lassen das Modell besonders hochwertig wirken.

Unter dem Wagenboden finden sich unter anderem statisches Batterieladegerät, Batteriekasten, Sicherungskasten und Druckluftbehälter. Die einzelnen Aggregate sind als separate Bauteile angesetzt und entsprechend detailliert ausgeführt. Selbst die vorbildgerechten Piktogramme und Kennzeichnungen wurden auf den jeweiligen Komponenten aufgedruckt – ein Detail, das man im normalen Fahrbetrieb kaum wahrnimmt, das aber den hohen Anspruch des Modells unterstreicht.

 

 

 

Auch der technische Block am Wagen überzeugt mit sauberem Druck und authentischen Angaben.

In der Digitalausführung erhält der Wagen einen Decoder mit Energiespeicher und Sound. Zeitgenössische Ansagen sorgen dabei ebenso für Atmosphäre wie das charakteristische Kurvenquietschen bei der Fahrt durch enge Radien. Ein besonders feines Detail findet sich an den grossen Seitenfenstern: Selbst die Fenstergriffe wurden nachgebildet. Eine solche Detaillierung hat man bei einem in Grossserie gefertigten Wagen der Spur 2m bislang kaum gesehen. Gerade diese kleinen, auf den ersten Blick unscheinbaren Details zeigen, mit welcher Konsequenz TL45 den EW III umgesetzt hat.

Macht ein Sounddecoder in einem Personenwagen überhaupt Sinn? Natürlich – und bei diesen Geräuschen eigentlich sogar mehr als in einer Lokomotive. Denn sowohl die Ansagen als auch das charakteristische Quietschen in engen Kurven entstehen dort, wo sie auch beim Vorbild wahrgenommen werden: im beziehungsweise unmittelbar am Wagen. Gerade bei einer längeren Bernina-Express-Komposition ergibt sich dadurch ein überraschend authentisches Klangbild.

Was das Modell jedoch besonders auszeichnet, sind die kompromisslos stimmigen Proportionen. Wo man sich über Jahrzehnte an verkürzte Gartenbahnwagen gewöhnt hatte, steht nun ein EW III auf dem Gleis, dessen Abmessungen tatsächlich dem gewählten Massstab entsprechen. Gerade im Zugverband zeigt sich, wie entscheidend die richtige Wagenlänge für das gesamte Erscheinungsbild ist.

Erfreulich ist dabei auch die Preisgestaltung. Der Einzelpreis bewegt sich im Rahmen vergleichbarer Modelle anderer Hersteller, beim Dreierset wird zudem ein attraktiver Setpreis gewährt. Dieses besteht aus einem Wagen 1. Klasse und zwei Wagen 2. Klasse und ermöglicht damit bereits eine glaubwürdige Kurzkomposition des klassischen Bernina Express.

Wer den charakteristischen Zugverband in seiner ganzen Wirkung auf die Anlage bringen möchte, kann zwei Sets kombinieren. Mit zwei Erstklass- und vier Zweitklasswagen entsteht eine stattliche sechsteilige EW-III-Komposition, die das Erscheinungsbild des damaligen Bernina Express zeigt. Auf einer Anlage nach RhB-Vorbild dürfte ein solcher Zug nicht nur zum Blickfang werden – er setzt im Massstab 1:22,5 neue Massstäbe.

 

Schon das noch nicht ganz fertiggestellte Mustermodell des EW III lässt erkennen, mit welcher Konsequenz TL45 den Wagen umsetzt – und weckt Vorfreude auf die Serienmodelle

Doch der EW III macht keineswegs nur im artreinen Zugverband eine gute Figur. Während der Zwischensaison und im Winter wurden die Wagen beim Vorbild auch einzeln oder zu zweit als Verstärkungswagen in regulären Reisezügen eingesetzt. Damit lässt sich selbst ein einzelner EW III vorbildgerecht in eine gemischte RhB-Komposition einreihen. Auch wer nicht gleich einen kompletten Bernina Express auf die Anlage stellen kann, findet somit zahlreiche authentische Einsatzmöglichkeiten für einen oder zwei Wagen.

Und wie so oft weckt ein solches Wagenmodell natürlich Hoffnungen und Begehrlichkeiten. Was realisiert TL45 als Nächstes? In Anlehnung an die bekannte Kindersendung könnte man fragen: EW III, EW II oder EW I – welcher wird es sein?

Nach all den zunehmend massstäblichen und immer feiner detaillierten Lokomotivmodellen war es jedenfalls an der Zeit, sich auch um die passenden Wagen zu kümmern. Denn was nützt die schönste massstäbliche Lokomotive, wenn ihr anschliessend deutlich verkürzte Personenwagen folgen?

Vielleicht sind Gartenbahner, die massstäbliche Wagen auf grosszügigen Radien und noch grosszügigeren Anlagen fahren können, tatsächlich eine eigene Spezies. Eine Spezies allerdings, die vermutlich nur zu gerne bereit ist, sich von den unsäglichen 620-mm-Wagen zu verabschieden und sich endlich realistisch proportionierte Züge im selbst geschaffenen «Land der 150 Täler» zu gönnen.

Der RhB EW III von Train Line Gartenbahnen zeigt jedenfalls eindrucksvoll, wie anders ein Zug wirkt, wenn nicht nur die Lokomotive, sondern auch die Wagen in ihren Proportionen stimmen. Bleibt zu hoffen, dass er nicht allein bleibt so gehen wir davon aus, die Zukunft der Gartenbahn hat erst begonnen.