Vorbildbericht RhB Einheitswagen III
Eine neue Klasse für den Bernina Express

RhB Personenwagen EW III A1272 (Archiv RhB)
Bis in die frühen Siebzigerjahre war der Glacier Express der bekannteste touristische Zug auf dem meterspurigen Netz zwischen St. Moritz und Zermatt. Die nicht weniger attraktive Verbindung über die Albulalinie und den Berninapass nach Tirano spielte dagegen zunächst eine eher untergeordnete Rolle.
Einen wichtigen Schritt unternahm die Rhätische Bahn 1969. Mit der Sommersaison wurden erstmals direkte Kurswagen von Chur über die Albula- und Berninalinie nach Tirano angeboten. Damit konnten Reisende die gesamte Strecke ohne Umsteigen zurücklegen. Die Wagen wurden auf dem Stammnetz zunächst regulären Zügen mitgegeben und für die Weiterfahrt über die Berninalinie überführt.
1973 erhielt diese Verbindung erstmals offiziell den Namen Bernina Express. Die Kurswagen verkehrten nun zwischen Samedan und Tirano als eigener Zug. Für die Überführung zwischen Stammnetz und Berninalinie spielten die beiden Zweikraftlokomotiven Gem 4/4 801 und 802 eine wichtige Rolle. Ab 1975 verkehrte der Bernina Express auch auf der Berninalinie als Schnellzug.
Mit dem zunehmenden Erfolg des Bernina Express stiegen auch die Ansprüche an das eingesetzte Wagenmaterial. Zunächst kamen hauptsächlich die für die Berninalinie geeigneten, verkürzten Einheitswagen I zum Einsatz. Zwar ermöglichten diese Wagen erstmals komfortable Direktverbindungen, doch ihre Platzverhältnisse und insbesondere die kleinen Erstklassabteile entsprachen zunehmend nicht mehr den Erwartungen an einen touristischen Paradezug.
Die längeren Einheitswagen des Stammnetzes eigneten sich wiederum nur bedingt für die besonderen Streckenverhältnisse der Berninalinie. Gefragt war daher ein Wagen, der einen höheren Reisekomfort bot, gleichzeitig aber kompakt genug für den Einsatz auf der kurvenreichen Gebirgsbahn blieb.
Die Rhätische Bahn entwickelte deshalb gemeinsam mit den Flug- und Fahrzeugwerken Altenrhein FFA eine neue Wagengeneration. Ursprünglich war eine weitere Beschaffung von EW II vorgesehen. Durch konstruktive Vereinfachungen, insbesondere beim Innenausbau und bei verschiedenen Ausrüstungsteilen, sollte jedoch ein wirtschaftlicherer Wagen entstehen ohne beim Komfort Abstriche machen zu müssen. Das Ergebnis war der Einheitswagen III.
Konstruktiv war der EW III eng mit dem EW II verwandt. Eine auffällige Neuerung waren die breiteren Fenster. Zusammen mit der grosszügigen Inneneinrichtung boten sie den Reisenden einen wesentlich besseren Blick auf die Landschaft – ein wichtiges Merkmal für einen Zug, dessen eigentliche Attraktion die Fahrt durch die Hochgebirgslandschaft von Albula und Bernina war.
Auch äusserlich sollte sich das neue Rollmaterial vom übrigen Wagenpark der RhB abheben. Die traditionelle rote Grundfarbe wurde mit einem graubraunen Fensterband kombiniert. Dieses Erscheinungsbild entwickelte sich in den folgenden Jahren zum charakteristischen Erkennungsmerkmal des Bernina Express.
1983 wurden insgesamt zehn EW III in Betrieb genommen: die beiden Erstklasswagen A 1271 und A 1272 sowie die acht Zweitklasswagen B 2461–2468. Sämtliche Wagen wurden von FFA in Altenrhein gebaut und mit Drehgestellen des Typs SWP 74 ausgerüstet.
Mit den neuen Wagen erhielt der Bernina Express erstmals einen eigens für ihn beschafften, weitgehend einheitlichen Wagenpark. Die Komfortsteigerung war beträchtlich und trug wesentlich dazu bei, den Bernina Express von einer Kurswagenverbindung zu einem touristischen Premiumprodukt der Rhätischen Bahn weiterzuentwickeln. Die Presse bezeichnete die neuen Fahrzeuge damals sogar als die «modernsten Schmalspur-Eisenbahnwagen der Welt», wie die RhB in ihrer Jubiläumsdarstellung festhält.
1985 folgte der nächste entscheidende Schritt: Während der Sommersaison verkehrte der Bernina Express erstmals als eigener Zug auf der gesamten Strecke von Chur nach Tirano. Im Winter wurden weiterhin direkte Kurswagen geführt. Damit war aus der ursprünglichen Kurswagenverbindung endgültig ein eigenständiger Reisezug geworden.
| Hersteller | FFA Altenrhein |
| Baujahr | 1983 |
| Anzahl | 10 Wagen |
| Wagennummern 1. Klasse | A 1271–1272 (2 Wagen) |
| Wagennummern 2. Klasse | B 2461–2468 (8 Wagen) |
| Spurweite | 1'000 mm |
| Länge über Puffer | 16'450 mm |
| Drehzapfenabstand | 10'780 mm |
| Radstand Drehgestell | 1'800 mm |
| Leergewicht | ca. 16 t |
| Höchstgeschwindigkeit | 90 km/h |
| Sitzteiler 1. Klasse | 2'031 mm |
| Sitzteiler 2. Klasse | 1'780 mm |
| Drehgestelle | SWP 74 |
| Bremse | Automatische Vakuumbremse / Handbremse |
| Einsatzgebiet | Gesamtes RhB-Netz, ursprünglich Bernina Express |

Einheitswagen III B54103 ex B2463 in Tirano 23.September 2012
Mit der Einführung der ersten modernen Panoramawagen ab dem Jahr 2000 begann eine neue Epoche. Die grossflächig verglasten Wagen veränderten sowohl den Komfort als auch das Erscheinungsbild des Bernina Express grundlegend. Im Zuge dieser Entwicklung verschwand auch das charakteristische dunkle Fensterband nach und nach. Die EW III und später auch die EW IV erhielten die inzwischen übliche einheitlich rote RhB-Lackierung.
Auch nach dem Ende ihrer klassischen Bernina-Express-Epoche blieben die zehn Wagen im Bestand der Rhätischen Bahn. Bis 2010 wurden sämtliche EW III modernisiert. Neben technischen Anpassungen wurde insbesondere der Fahrgastraum erneuert und zeitgemäss gestaltet.
Die nur zehn gebauten Einheitswagen III stellen damit eine kleine, aber für die Geschichte der Rhätischen Bahn bedeutende Fahrzeugserie dar. Vor allem in ihrer ursprünglichen rot/dunkelbraunen Lackierungverkörpern sie jene Epoche, in der sich aus einer eher unscheinbaren Kurswagenverbindung über Albula und Bernina ein eigenständiger internationaler Reisezug entwickelte. Der Bernina Express trat damit aus dem Schatten des Glacier Express und wurde selbst zu einem der bekanntesten Züge der Rhätischen Bahn.
Einheitswagen III A53102 ex A1272 in Tirano 23.September 2012